Blaue Linien - Der reglementierte 'öffentliche' Raum

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Über die unverwechselbare urbane, blaue Lange-Reihe-Kultur

Ein langer Streit im Stadtteil kreierte leuchtend blaue Linien. Die Dreistigkeit von Lange-Reihe-Gastronomen traf ehemals auf den Widerwillen vieler Anwohner in Hamburg St. Georg. Die Stadt feixte lange über den Konflikt auf öffentlichem Grund. Man sah sich aber auch außerstande die eigenmächtigen Ausweitungen der Sondernutzung zu kontrollieren, ist doch ein Tisch oder ein Stuhl keine behördlich fest nagelbare Immobilie und dementsprechend an sieben Tagen rund um die Uhr eigentümlich beweglich. Und die Anderen machen es ja auch; was soll also an dezent eigenmächtiger Sondernutzung so verwerflich sein?

Aber letztendlich hörte man die Beschwerden und sah die Stühle und Tische inkl. der daran verweilenden Extremitäten, die den zu kobernden und stromernden Lange-Reihe-Fußgängern in den Weg geworfen wurden. Links und rechts der Langen Reihe wurden leuchtend blaue Linien gezogen und eine öffentliche Ordnung wurde sichtbar.

Die Kontrolleure sind übrigens in ganz St. Georg hellhöriger geworden, blaue Linien hin oder her. Zuletzt sah man dies deutlich am Spadenteich, wo plötzlich einige Tischreihen verschwanden, die sich unauffällig an die Kunst im öffentlichen Raum angeschmiegt hatten.

And now to somthing completely different…

Ein Gastbeitrag von Hans-Joachim Lenger

Am 8. August 2011 sendete der Westdeutsche Rundfunk den folgenden Beitrag, der hier in einer erweiterten Fassung wiedergegeben wird. Den Kölner Sender interessierte das Phänomen der blauen Linien, von denen die Lange Reihe seit geraumer Zeit geziert wird: ein Phänomen, das die Rheinländer tatsächlich zutiefst erstaunte.

Das Reglement der blauen Linien

Die Lange Reihe gehört zu den wenigen Straßen Hamburgs, in denen sich noch Reste einer urbanen Kultur finden. Gleich am Hauptbahnhof, mitten in der Innenstadt leben hier Leute, die sich wenigstens vom Sehen her kennen, einander grüßen oder ein paar Worte wechseln, wenn sie sich über den Weg laufen. Man erfährt noch, wenn einer starb oder irgendein Haus aus undurchsichtigen Gründen abbrannte, um renoviert, ausgebaut und an eine neue Klientel vermietet zu werden. Der Zugriff der Spekulanten ist eben auch hier überall spürbar, immer häufiger pfropfen sich Dachterrassen auf die alte Architektur, die Mieten steigen rasant. Doch noch halten sich die kleinen Läden, die Kneipen, Cafés und Restaurants, in denen Deutsche, Spanier, Portugiesen oder Italiener ihre Speisen und Getränke anbieten. Und wenn es nicht gerade regnet, verlagert sich das Geschehen auf den Bürgersteig, an die Straße, wo man einen Kaffee, Bier, Wein, eine Portion Döner, eine Pasta, etwas Sushi oder auch derbe Hausmannskost bekommt.

Dies bunte Treiben indes erzürnte eine Reihe von Anwohnern, die sich um Ruhe, Übersicht und Bewegungsfreiheit betrogen sahen. Und weil man hierzulande staatliches Einschreiten einfordert, anstatt die Dinge selbst zu regeln, wurden Forderungen nach behördlichen Maßnahmen laut. Dies brachte das zuständige Ordnungsamt zwar in Verlegenheit, denn schließlich bessert die Straßengastronomie den Stadtsäckel auf. Doch entschlossen leitete man geeignete Gegenmaßnahmen ein, auch wenn die dann auf einen Kompromiss hin­ausliefen. Jedem Gastronomen, der seine Tische und Stühle auf den Gehweg setzt, wurden enge Grenzen gezogen, die sich seither auf dem Bürgersteig in präzise eingefriedeten Arealen bewundern lassen. Blaue Striche markieren, wo Tische und Stühle von nun an stehen dürfen, und wehe, ein Bein ragt heraus.

Da sitzen sie also nun, die Leute, hocken ein wenig gedrängter zusammen als zuvor, doch immerhin, das unübersichtliche Straßenbild bekam dafür Reglement und Schliff. Suchte man sich zuvor seinen Weg durch eine Ordnung, die sich selbst regulierte, so ist von nun an jeder Schritt ordnungspolitisch ebenso vorgeschrieben wie der Sitzplatz, den einer einnehmen darf. Und flanierte man zuvor über schmutzig-graue Steinplatten, so passiert man jetzt jenes blaue Liniengewirr, das alle Merkmale einer Sachbeschädigung im öffentlichen Raum aufwiese, wäre es nicht das Ordnungsamt gewesen, das hier tätig wurde.

So wandert das Regime der Kontrolle ins Alltagsleben ein. Man ziehe in Deutschland eine Linie, und schon stehen die Bürger stramm, auch wenn sie nur sitzen und Kaffee trinken. Eine ältere Dame, die ich darauf hinwies, dass ihr Fuß um etwa zehn Zentimeter über die blaue Linie ragte, quittierte dies nicht etwa mit einem Lachen. „Oh, entschuldigen Sie bitte“, stieß sie vielmehr hervor und zog ihren Fuß hinter die Demarkationslinie zurück. Resigniert gab ich auf. Wozu noch Ordnungsämter, wenn jeder Bürger ein Amt auf den eigenen zwei Beinen ist?

Hamburg wäre gern eine Weltstadt, zumindest eine Metropole. Auf den Straßen der Stadt Kaffee trinken aber darf nur, wer sich dem peniblen Reglement der Areale unterwirft. Immerhin, man wird schon wissen, was man tut. Hamburgs St. Georg, so weiß man, wird bald schon von den Schönen und Reichen beherrscht sein. Und demnächst dürften auch die letzten Reste von Urbanität verschwunden sein.

Hans-Joachim Lenger

Der Autor lehrt Philosophie an der Hochschule für bildende Künste. Er lebt in St. Georg und hatte in den vergangenen Jahren ebenso wenig Schwierigkeiten, mit einem Kinderwagen durch die Lange Reihe zu navigieren, wie sein Sohn sie jetzt hat, wenn er sie mit einem Kinderfahrrad quert.

Veröffentlicht am 27. September 2011 von Markus Merz

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