Prostitution in St. Georg: Widersprüche, Konfrontation & Deportation

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Konstruierte Konflikte, Bigotterie und wahre Deportationsgelüste

Hallo Markus Schreiber, Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte,
Hallo Helmut Voigtland, erster Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg,
Hallo an die anderen “Weg mit den Prostituierten” Lautsprecher.

Großmannstraße in Hamburg Rothenburgsort

Wer war denn schon einmal an der Großmannstraße?
Und wer möchte dort auf der Straße herum stehen?

Ich unterstelle einfach mal, dass Helmut Voigtland die Wahrheit schreibt, wenn er Markus Schreiber den Vorschlag in den Mund legt, den Prostituierten aus St. Georg ein neues Revier an der Großmannstraße in Rothenburgsort anzubieten.

Großmannstraße in Hamburg Rothenburgsort

Helmut Voigtland, erster Vorsitzender des Bürgervereins St. Georg, schreibt unter der Überschrift: “Es reicht!” in den ‘Blätter aus St. Georg’, Ausgabe 04-11 (PDF), Seite acht. Die Titelseite macht auf mit der entweder/oder Überschrift: “Hansaplatz Wohnen und/oder Prostitution.” Die letzten vier Absätze, einzeln als Zitate eingerückt und kommentiert:

(1) Insoweit ist der Vorschlag von Bezirksamtsleiter Markus Schreiber, den Prostituierten in Rothenburgsort in der Großmannstraße ein neues Revier anzubieten, sinnvoll. Dort können die Sexarbeiterinnen auch auf der Straße stehen. In St. Georg ist dies aus gutem Grund nicht gestattet.

Großmannstraße in Hamburg Rothenburgsort

Warum ist konkret die Großmannstraße sinnvoll?
Warum ist diese kilometerlange Ausstellung von Stacheldraht, Zäunen, Wachhunden und Nutzfahrzeugen sinnvoll?
Warum löst ausgerechnet die abgelegene Großmannstraße ein Problem des quierligen Hauptbahnhofstadtteils St. Georg?

Der Satz “Dort können die Sexarbeiterinnen auch auf der Straße stehen.” ist an Menschenverachtung im sozialen Kontext kaum zu überbieten. Den Vergleich einer kompletten sozialen Infrastruktur mit der nackten, vierspurigen Gewerbestraße hat man entweder aus völliger Unkenntnis oder aus Zynismus getroffen. Helmut Voigtland unterstelle ich Unkenntnis. Beim omnipräsenten Bezirksamtsleiter Markus Schreiber ist dies nicht möglich.

Großmannstraße in Hamburg Rothenburgsort

(Autos raus aus St. Georg! Jede Forderung nach Parkraum in St. Georg kann man praktisch passender in die Großmannstraße abschieben, weil “Dort können die Autos auch auf der Straße stehen”.)

Der ‘gute Grund’ ist doch bigott, also scheinheilig. Das historische Hamburg hat aus ‘gutem Grund’ die beiden sozialen Brennpunkte St. Pauli und St. Georg vor die nachts geschlossenen Tore der Stadt gesetzt. Man wollte (und will) diese Menschen nicht innerhalb der schicklichen Hansestadt Hamburg haben. Die letzten 30 Jahre haben gezeigt, dass St. Georg immer noch als zentraler Hamburger Mülleimer für die sozialen Problemgruppen Ausländer, Drogen und Sexarbeit benutzt wird. Die Sperrgebietsverordnung, das ständige Gefahrengebiet St. Georg und die Waffenverbotszone Hansaplatz sind eine Folge dieser Benutzung des Stadtteils St. Georg als Mülleimer der Hansestadt Hamburg. Dass der Stadtteil St. Georg unter diesen Belastungen ein lebenswerter Stadtteil am Hauptbahnhof geblieben ist, wäre überall woanders undenkbar. Und jetzt soll also St. Georg scheinheilig zum schicklichen Stadtteil konvertiert werden?

Ein dämlicher, weil wie in den 1980ern geschriebener, Kommentar im Abendblatt am 11.5.2011 beschreibt die falsche Seite des Hauptbahnhofs: “Wer den Hauptbahnhof Richtung Schauspielhaus verlässt, ist entweder ortsunkundig oder hat starke Nerven. Der Hachmannplatz, (…) ist alles andere als eine Stätte des Wohlbehagens. Verdrecktes Pflaster, zugige Ecken – hier hastet schnell weiter, wer kann.” Die Wahrheit heute ist doch offensichtlich die, dass St. Georg ‘schick’ ist und man hier keinen bezahlbaren Wohnraum bekommt.

(2) Manche nennen dies dann Vertreibung, Aufschickung, gar, da hiervon hauptsächlich ausländische, häufig osteuropäische Prostituierte betroffen sind, sogar Rassismus.

Großmannstraße in Hamburg Rothenburgsort

In erster Linie sind Menschen betroffen. Die formale Selektierung in ‘Prostituierte’ und ‘Anwohner’ kann man nach meiner Einschätzung tatsächlich als rassistisch diskutieren. Zum Reizwort Rassismus steht in der Wikipedia u.a.: “Institutioneller Rassismus verweigert bestimmten Gruppen Vorteile und Leistungen oder privilegiert andere”. Aber wichtiger als die Rassismusdiskussion und falsch bei der verallgemeinernden Aufteilung in diese Gruppen, ist die damit einhergehende ‘Entindividualisierung’ und ‘Entpersönlichung’, die Züge von ‘Entmenschlichung’ trägt. Jeder der ‘Anwohner’ würde dies natürlich für sich verneinen. Aber für die ‘Prostituierten’ trifft dies wie selbstverständlich zu.

Und ein Teil der ‘Anwohner’ leitet daraus entsprechende Deportationsgelüste ab.

(3) Dies ist alles Unsinn.

Wirklich? Warum dann der folgende verräterische Absatz im Namen des ‘Bürgervereins’, der genau diese konfrontative Entscheidung fordert?

(4) Wir haben uns für das “Ragazza” und das “Café Sperrgebiet” eingesetzt. Dies wird auch weiterhin der Fall sein. Wenn aber jetzt ein Konflikt zwischen den Bewohnern auf der einen Seite und den Straßensexarbeiterinnen auf der anderen Seite eskaliert, entscheiden wir uns für die Bewohner.

Nach dem Lippenbekenntnis für die unstreitig kompetenten und notwendigen sozialen Institutionen folgt die ‘heroische’ Absicht in Form einer konstruierten wenn/dann Wirklichkeit. Ähnlich wie oben bei der Großmannstraße, wo man so toll herum stehen kann wie in St. Georg, unterstelle ich bei diesem Gerede von Eskalation Unkenntnis.

Es gibt derzeit keinen allgemeinen Konflikt zwischen ‘Anwohnern’ und ‘Prostituierten’. Dieser Konflikt wird allerdings derzeit massiv herbei geredet und geschrieben. Anstatt mit Gruppen von Menschen, die hier ‘Prostituierte’ genannt werden, menschlich und sozial umzugehen, wird ihnen aktuell hier in St. Georg ein Konflikt aufgezwungen, den kein anständiger Mensch braucht.

Was es unstrittig seit 20 Jahren gibt, ist ein Wandel im Milieu. Dieser Wandel wird von der Polizei aufmerksam beobachtet und bei Straftaten wie Menschenhandel wird massiv eingeschritten. Das ist allerdings eine völlig andere Größenordnung und ein Verschieben des Milieus in ein sozial nicht kontrolliertes Gewerbegebiet würde derartige Straftaten eher fördern als unterbinden.

Platz der Kinder vom Bullenhuser Damm in Hamburg Rothenburgsort

PS: Es wurde auch schon mehrfach versucht einen Konflikt zwischen ‘Ölaugen’ und ‘Schweinefressern’ zu kreieren. Wer derartige Konflikte nicht annimmt, der wird als ‘Gutmensch’ beschimpft. Wehret den Anfängen. Hamburg St. Georg muss ein Stadtteil bleiben, der kulturelle Unterschiede annimmt, aufnimmt, integriert und dadurch St. Georg bleibt.

Veröffentlicht am 13. Mai 2011 von Markus Merz
Martin Lind | 13. Mai 2011 | Direktlink

Seit über sieben Jahren mit Kind in St. Georg wohnend, regelmäßig über den Hansaplatz und die anliegenden Straßen gehend spricht mir der Artikel (und der Artikel Hansaplatz: Rassismus und Kinderbelästigung) aus dem Herzen. Wir sind wegen der Vielfalt nach St. Georg gezogen. Die jetzt vom Bezirksamtsleiter und der Initiative Hansaplatz betriebene Ausgrenzung ist erschreckend und lässt Schlimmes für die weitere Entwicklung St. Georgs erwarten. Das dies auch vom Bürgerverein unterstützt wird ist mir unverständlich, denn die Mehrheit der St. Georger hat sich bewusst auf diesen Wohnstandort eingelassen.

Wenn ich sehe mit welcher Vehemenz die Initiative die Ausgrenzung und Deportation der Prostituierten betreibt und dazu das Banner “Recht auf Stadt bedeutet Recht auf Straße für unsere Kinder” auf der Internetseite der Initiative sehe, entsteht bei mir die Frage, ob vielleicht als nächster Schritt auch Kinder von Anderen ausgegrenzt werden. Wehret den Anfängen.

Stefan | 15. Mai 2011 | Direktlink

Danke, dass es noch kritische Stimmen aus dem Viertel gibt, die den spießbürgerlichen menschenfeindlichen Gelüsten des Bürgervereins und der so genannten Initiative Hansaplatz entgegen treten. Diese Gruppen treten unter dem Vorwand an Kinder an schützen zu wollen. Aber letzendlich geht es nur darum, den Wert der Immobilien nach oben zu treiben. Hier kochen Leute, die sich ganz bewusst in den letzten 20 Jahren nach günstigen Investitionsmöglichkeiten umgesehen ihr Gentrifizierungs-Süppchen. Jetzt ist ihrer Ansicht nach der Zeitpunkt gekommen Kasse zu machen. Was dabei auf der Strecke bleibt: ein lebenswertes buntes Viertel. Wo bislang Platz für verschiedene Lebensformen und Menschen aus verschieden Kulturen und sozialen Schichten war, soll es in Zukunft nur noch blank und geleckt zugehen.Ziel der Menschenverachtenden Politik ist es doch, offensichtlich aus St. Georg einen weiteren Ort zu machen, wo sozial Schwache, Ausländer und alle Andersdenkenden ausgegrenzt werden. Davon hat Hamburg schon mehr als genug. Die Frage ist also, ob diejenigen, die jetzt ausgrenzen nicht problemlos woanders in der Hansestadt Platz finden könnten. Viele aus St. Georg können und wollen dies nicht. Wir wollen ein buntes St. Georg und wir werden uns hier nicht vertreiben lassen von zugezogenen Spießern und Besserverdienern.

Tim | 22. Mai 2011 | Direktlink

@Stefan: 100% Zustimmung. Ich habe zwei Jahr im Steindamm gelebt und habe die Gentrifizierung quasi live miterleben können. Häuser werden aufgekauft, nobel-saniert, die alten Mieter rausgeklagt. Zugegeben: vor noch wenigen Jahren war der Hansaplatz jetzt kein Ort, an dem ich nachts sonderlich gern langegangen bin, aber die Hetze gegen alle die “anders” sind, geht einfach gar nicht.

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