Die (klassische) Bunte Lange Reihe 2010

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Alles wie gehabt – Nichts dazu gelernt

Männer in Frauenkleidern, solide Schausteller, das übliche anonyme Gedrängel und sonstiges Allerlei, das man so halt überall findet. Die Fenster blieben zu und die Balkone leer. Wer den Blick hob und über die von der Sonne beschienenen Hausfassaden gleiten ließ, der konnte den Eindruck bekommen, dass die Häuser an der Langen Reihe gänzlich unbewohnt sind.

Erhofft hatten sich viele Anwohner von der Bunten Langen Reihe 2010 einen kräftigen Ruck, eine Hinwendung zum Stadtteil St. Georg und wenn schon nicht das, dann wenigstens mehr kreatives Rahmenprogramm, eine individuellere Unterhaltung und nicht schon wieder dieses gräuliche Gemisch aus Wurst, Wein, (falschem) Weib und Gesang. Straßenfest-Routine wohin das Auge blickte, Routine auf der Hauptbühne, Routine auf der Travestiebühne, Routine bei den Schaustellern und nicht zuletzt ein routiniertes, überwiegend herbei gekarrtes Publikum.

Diese Art von stumpf & professionell ausgeführter Straßenveranstaltung macht (mir) keinen Spaß mehr. “Ich bin genervt, ich hatte zwei Tage Bunte Lange Reihe” sagt M., Lange Reihe Anwohnerin mit unverbautem Blick auf Travestie- und Transen-Playbackbühne und M&V Discodedöns. Traf man Samstag früh noch den einen oder anderen Anwohner beim Brötchen holen, so sind die Begegnungen mit Freunden und Bekannten während der Bunten Langen Reihe mittlerweile Mangelware. Das feierwillige Szenevolk und die sehfreudigen Straßenfesttouristen dominieren die Bunte Lange Reihe. Ende Mai 2010 folgt bereits die nächste zweitägige Großveranstaltung, das erste Stadtfest St. Georg.

Auch wenn sich mit dem ersten Stadtfest St. Georg einige Hoffnungen verbinden, dass man eine solche Veranstaltung auch weniger routiniert abnudeln kann, so muss der Beweis erst noch erbracht werden. Mit der klassisch ausgeführten Bunten Langen Reihe 2010 hat Veranstalter Ralf Pavlicek allerdings (leider!) erneut den Beweis erbracht, dass er ein Straßenfest veranstalten kann. Mehr aber auch nicht.

Besinnung

Für den kleinen Stadtteil St. Georg wäre es vielleicht besser, man würde die lange Reihe der großen kommerziellen Straßenfeste drastisch unterbrechen. Sollen sich die Schaustellerprofis ihr Geld woanders verdienen, die Bevölkerung St. Georgs kommt gut mit ihren eigenen Festen zurecht. Es gibt gar nicht so wenige:

  • Das Stadtteilfest für alle St. Georger am Kirchhof, das der Einwohnerverein mit vielen anderen Beteiligten alle paar Jahre auf die Beine stellt.
  • Das lebendige Repsoldstraßenfest im Münzviertel, das dort unten am Geesthang den Prototypen eines lokalen & jährlichen Anwohnerfestes darstellt.
  • Das kleine aber feine schwule Sommerfest in Hamburg St. Georg von Hein & Fiete am Pulverteich
  • Die diversen Mottofeste auf dem Hansaplatz
  • Die zwei gut besuchten jährlichen Kinderflohmärkte am Kirchhof, die Flohmärkte am Hansaplatz, die Bouleveranstaltungen des Hamburger Boule-Club, das eher private Drachenbaufest, etc. …

Das sind alles Straßen-, Initiativen- und Anwohnerfeste, die diesen Namen verdienen und keine kommerziellen Monster, die von herbei gezerrten Bier- und Wurstbuden leben.

Bunte Lange Reihe 2010: Nickligkeiten und Interessenkonflikte

  • Man kann ja von dem Döner Imperium am Carl von Ossietzky Platz halten was man will, aber die Außenplätze sind schön und erlauben einen netten Blick über den Platz und auf die Hauptbühne der Bunten Langen Reihe. Wenn da nicht jemand auf die schicke Idee gekommen wäre, einen Lieferwagen quer vor die Plätze zu stellen. Und einen Bierstand direkt daneben.
  • Jeder örtliche Gastronomiebetreiber ohne angemietete Standfläche freut sich, wenn direkt vor seinem Laden ein großes Verkaufszelt für Krimskrams steht.
  • “Wenn Sie nichts bestellen, dann müssen Sie hier weg.” Mangels Sitzgelegenheiten darf man sich als Besucher über derartige Sprüche einzelner lokaler Gastronomen freuen.
  • Ein elektrisch verstärktes Panflötengedudel vertreibt mich als Anwohner selbst vom Balkon auf der Rückseite eines etwas weiter weg stehenden Hauses.

Bunte Lange Reihe 2010: Kleines Lob

  • Der allgemeine Musikteppich erschien etwas leiser zu sein, als in den letzten Jahren. Nicht jeder Stand bzw. Gastronom musste die ganz große Beschallungsanlage auffahren.

Vasco da Gama

Zur großen Freude aller Geruchssensibelchen wurde beim portugiesischen Restaurant Vasco da Gama auch in 2010 nicht wieder die große Sardinenbratpfanne angeheizt. Das war gut und ersparte die Gasmaske. Weniger gut war der umfassende Beschallungsanspruch für die halbe Lange Reihe (und die komplette Danziger Straße gleich mit). Die Musik und speziell die Livemusik war gut, aber muss das denn wirklich so brachial laut sein? Die zwei offiziellen Bühnen langten völlig aus. Eigenmächtig eine dritte Bühne zu eröffnen war unnötig.

Bunte Lange Reihe 2010: Resümee

Die Bunte Lange Reihe 2010 war sonnig & trocken, aber kühl. Kommerziell war das Straßenfest wahrscheinlich ein gesunder Erfolg für Veranstalter, Schausteller und die lokale Gastronomie. Die seit Jahren im Stadtteil beklagte Beliebigkeit der Veranstaltung wurde erneut professionell zelebriert. Solange sich dies in der Politik und beim Bezirk durchsetzen lässt, solange müssen die Anwohner dieses Spektakel über sich ergehen lassen. Ein vernünftiges Meinungsbild aus dem Stadtteil wäre vielleicht ein vernünftiger Ansatz, um auch zukünftig diese Art von Straßenfest zu legitimieren.

PS: Fotoauswahl

Die oberen sechs Fotos zeigen mit Absicht die Lange Reihe am Samstag vormittag in der Ruhe vor dem großen Sturm. Die sich später vorbei schiebenden Menschenmassen waren fotografisch langweilig. Das unterste Bild entstand Samstag nachmittag, könnte aber auch an jedem anderen sonnigen Nachmittag entstanden sein.

Veröffentlicht am 19. April 2010 von Markus Merz
Mapfdampfer | 20. April 2010 | Direktlink

Positiv fiel mir noch auf, dass dieses Jahr die Panflöten-Indios keine Gelegenheit bekam, ihr monotones Geleier in der Endlosschlaufe abzuspulen.

Weniger erfreulich war m.E, dass die Straßenreinigung offenbar den Auftrag hatte, die Lange Reihe für den Sonntag klinisch steril zu machen. Ganze zwei Stunden minimum waren sie mit schwerem Gerät dem Müll auf den Fersen; zwischen 2 und 4 uhr morgens!

Und den Caipi-Buden-Betreibern sollte auch mal jemand den Unterschied zwischen inklusive und exclusive beibringen:

Schild: “4.50 Euro incl. Pfand” — Typ: “macht 5 Euro bitte …” ich “auf dem Schild steht aber …” Typ: “Ja, aber incl. 50ct Pfand” ich “naja äh … inklusive, das impliziert eigentlich …” Typ (beleidigt) “na dann geb ich Dir halt die 50 ct wieder, ist kein Problem”. Ah ja, betrügen will man also schon, aber nur bei denen die nicht meckern, oder wie soll man das verstehen?!

Alles in allem aber wieder einmal eine Erinnerung, beim nächsten mal ins Hotel zu ziehen … :(
Oder gleich einen Stadteil suchen, der weniger profilneurotisch ist.

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