Medien: Chefredakteur bekommt Luxus-Testautos

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... mit Produkten der deutschen Industrie befassen …

Unabhängigkeit, Recherche, Schonungslosigkeit, ... Ich gehe ungerne zu Fuß. Tue es aber dennoch ständig, weil ich keinen PKW habe. Ein Testwagen der deutschen Autoindustrie käme manchmal doch ganz gelegen. Und dann gibt es Chefredakteure, die in Briefen, die sogar in der Welt am Sonntag veröffentlicht werden, Sachen schreiben, die eigentlich einen größeren PR-Gau bzw. Medienskandal darstellen – Man kann auch sagen ‘die einem die Kinnlade runterklappen lassen’. Lassen wir rhetorisch geschickt den Briefeschreiber noch ein wenig im Dunkeln, damit die folgenden Zeilen eine unabhängige Meinung erzeugen können.

Zitat eines gekürzten Zitats:

“Die Albernheit kennt offenbar keine Grenzen. Es ist in der Tat so, dass ich gelegentlich zu Testzwecken für ein paar Tage neue Automodelle verschiedener Hersteller zur Probe fahre (…). Es handelt sich dabei jeweils nicht um wochenlange Testfahrten, sondern um ein paar Tage. Normalerweise gebe ich die Autos mit vollem Tank zurück. Tatsächlich habe ich auch den neuen Audi R8 ausgetestet. (…) Generell gesehen halte ich es für richtig und notwendig, dass auch Chefredakteure sich mit Produkten der deutschen Industrie befassen. Zu meinem Privatgebrauch habe ich im Übrigen meine eigenen Wagen, die Testwagen in nichts nachstehen.”

Wohlgemerkt, die Berufsbezeichnung ist Chefredakteur und nicht Autotester oder Pizzaausfahrer. Hat gerade jemand das Wort ‘Korruption’ in den Mund genommen? Die Welt am Sonntag eröffnet den Artikel so:

Autos, die noch gar nicht im Handel erhältlich sind, aber trotzdem bereits in Tiefgaragen oder auf Straßen zu sehen sind, fallen auf. So war das auch mit zwei 420 PS starken Sportwagen, die Volkswagen-Konzernchef Martin Winterkorn dem Chefredakteur des “xxxxx”, x. x., zur Verfügung gestellt hat.

Die ausge-x-ten Stellen dienen nur dem Spannungsbogen…

Was kostet wohl so ein 420 PS ‘Volkswagen’? Warum hält der Briefeschreiber “es für richtig und notwendig, dass auch Chefredakteure sich” mit diesen, für den Normalbürger unerschwinglichen und relativ sinnlosen, Autos beschäftigen?

Passiert es Ihnen manchmal, dass Sie ins Büro kommen und auf dem Schreibtisch liegt ein offenes Wörterbuch, in dem jemand das Wort “Realitätsverlust” umkringelt hat?

Neugierig wer sich da so vollmundig vom Volkswagen-Konzernchef Martin Winterkorn bedienen lässt und selbstverständlich weiterhin die Fahne der unabhängigen klassischen Qualitätsmedien hoch hält?

Die letzte zitierte Frage und das Briefzitat stammen von Stefan Niggemeier. In seinem empfehlenswerten Artikel finden sich die weiteren offenen Fragen. Und auch die Antwort um welchen Chefredakteur X es hier geht…

PS: Doping und der G8-Gipfel sind auch ganz nette Themen, wenn es um Realitätsverluste und Selbstherrlichkeit geht, aber dieses Beispiel eines aus Presse, Funk und Fernsehen bekannten und relativ geachteten Chefredakteurs ist an Deutlichkeit und Direktheit schwer zu überbieten.

Nachtrag: Chat Atkins übt die neue Deutlichkeit:

(...) Am schlimmsten scheinen mir dabei jene Figuren, die in den Kommentaren den publizistischen Rotlichtonkel auch noch verteidigen: In meinen Augen ist das, was dort vorgeht, nur noch krank und abgehoben: Man lässt sich von der Industrie f…n – und behauptet, man sei frigide und spüre nichts dabei. Mein ewiges Reden: Viel zu viele schlechte Drogen in der Szene unterwegs …

Gegenmeinung: Dem Misanthropen geht “die Gutmenscherei arg an die Klöten”.

(...) Es ist ganz einfach lächerlich. Wenn man seine Ressourcen an solch irrelevanten Themen verpulvern möchte, dann soll man das tun, aber bitte anderswo. Und gerade, wer mit so bedeutungsschweren Worten wie Realitätsverlust oder Selbstherrlichkeit hantiert, sollte mal etwas nachdenken. Zu einem Porsche vor der Haustüre sagen die Moralapostel auch nicht nein. (...)

Veröffentlicht am 26. Mai 2007 von Markus Merz

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