Hamburg, Virtuell: Handelskammer Hamburg bei Second Life

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Ehrenamtliche Baustelle als visionäre Weltpremiere

Mal wieder eine Hamburger Weltpremiere. Diesmal ist es die Mitteilung der Handelskammer Hamburg auf der CeBIT, dass man bei Second Life neue Vertriebs- und Kommunikationswege für die Hamburger Wirtschaft bieten will. Weiter unten im Artikel wird das Thema “Second Life” etwas kritischer beleuchtet.

Ein wenig Skepsis ob dieser weiteren virtuellen Baustelle in Hamburg erscheint angebracht. Das groß angekündigte Projekt Hamburg in 3D bei Google Earth – ebenfalls eine Weltpremiere – kommt jedenfalls nicht in die Hufe. Seit der Ankündigung Mitte Januar 2007 werden keinerlei Gründe kommuniziert warum es nicht weitergeht. Vielleicht hat man sich da bereits einfach technisch verhoben? Schließlich müssen bei jeder Darstellung der Hamburger Innenstadt in Google Earth Tausende von Flächen in 3D berechnet und mit ihrer individuellen Oberfläche (Textur) dargestellt werden. Abgesehen von möglichen persönlichen und politischen Querelen, wenn ein Hausbesitzer oder Unternehmenschef z.B. seine Immobilie bzw. Unternehmen nicht vorteilhaft abgebildet findet und mit juristischen Mitteln droht. Bis jetzt sind nur wenige Hamburger Immobilien in 3D bei Google Earth sichtbar (s. Artikel) und diese scheinen alle aus Privatinitiativen empor gewachsen zu sein.

Vier Hamburger Unternehmer, “die sich im Ehrenamt der Handelskammer kennen gelernt haben”, sollen jetzt also als Joint Venture die “virtuelle ‘Hamburg City’ bei Second Life entwickeln”? Wenn man sich die Webseite und die dort verfügbaren Informationen der vier Metaboys (Hanno Tietgens, Oliver Schmidt, Sven Starke, Torsten Schubert) ansieht, dann sieht das nach einem sehr ambitionierten Projekt in noch sehr sehr kleinen Kinderschuhen aus. Einen sachkundigen Kommentar eines Second Life Fachmanns zu dieser virtuellen Hamburg Baustelle gibt es bereits (s.u.).

Aha, woanders gefunden (S.a. ‘Nachtrag 22.3.2007’):

Go the the Hamburg Location. The Area Code for Second Life is —> Hamburg City 149.210.31

Second Life Zusammenfassung bei Wikipedia

Second Life (von Teilnehmern kurz „SL“ genannt) ist eine Web-3D-Simulation einer vom Benutzer bestimmten virtuellen Welt von allgemeinem Nutzen, in der Menschen interagieren, spielen, Handel betreiben und anderweitig kommunizieren können. Das seit 2003 online verfügbare System hat inzwischen über vier Millionen registrierte Nutzer, von denen rund um die Uhr durchschnittlich zwischen 15.000 und 36.000 das System aktiv nutzen.

Quelle: Wikipedia zu Second Life

Second Life Bewohner ‘Sponto’ bei Spiegel.de

Wer sich einlesen will in die wundersame Welt von Second Life, der findet bei Spiegel Online eine lesenswerte Second Life Serie. Das Second Life Tagebuch von Christian Stöcker alias Sponto beginnt hier und startet gleich schön trashig mit Wie Sponto im Sexshop landet. Schön viele Fotostrecken.

Sponto ist ein Mädchen. Zuerst war sie ein Junge – aber dann sah sie all die braungebrannten Schönlinge mit den Superhelden-Körpern, die tätowierten Cybermachos, die ihre neue Heimat bevölkerten. Und beschloss spontan eine Geschlechtsumwandlung. Die ist sowieso nicht permanent – wenn sie eines Tages die Nase voll hat vom Frausein, kann Sponto nach ein paar Klicks wieder ein Mann werden.

Sponto ist mein Avatar. Ich habe ihm/ihr heute ungefähr zwei Stunden meiner Lebenszeit geschenkt, um ihn zu einem hübschen Alter ego zu machen, einem originellen, der nicht gar so dämlich aussieht neben all den anderen Bewohnern von “Second Life”. Man möchte ja nicht in Jeans und T-Shirt – die bekommt man bei der Geburt auf die Haut kodiert – neben einäugigen Aliens und vier Meter großen Mannequins herumstehen. Man kommt sich ohnehin schon absolut dämlich vor, wenn man ankommt im virtuellen Paradies. (…)

Handelskammer Hamburg als weltweit erste Kammer in Second Life

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Vier Unternehmer wollen virtuelle “Hamburg City” in Second Life entwickeln. Hier die Mitteilung der Handelskammer Hamburg:

Pilotprojekt bei der Eröffnung der CeBIT angekündigt

Hamburg, 15. März 2007 – Die Handelskammer Hamburg ist ab sofort als weltweit erste Industrie- und Handelskammer in Second Life (SL) präsent. “Damit unterstreichen wir die Vorreiterrolle der Hamburger Wirtschaft bei der Erschließung neuer Vertriebs- und Kommunikationswege im Internet.” Dies erklärte Prof. Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, anlässlich der Eröffnung des Hamburg-Messestandes auf der CeBIT. “Second Life bietet Unternehmern interessante und innovative Möglichkeiten, mit Geschäftspartnern und Kunden zu kommunizieren,” sagte Schmidt-Trenz weiter. Deshalb wird im Rahmen einer Pilotphase für Hamburger Unternehmen ein SL-Unternehmerrundgang angeboten. Dabei erhalten die Unternehmen einen ersten Überblick darüber, wie SL geschäftlich genutzt werden kann.

Die Präsenz der Handelskammer in Second Life geht auf eine Initiative der METABOYS zurück. Hinter dem Joint Venture stehen vier Hamburger Unternehmer, die sich im Ehrenamt der Handelskammer kennen gelernt haben und in Second Life die virtuelle “Hamburg City” entwickeln.

Second Life ist eine dreidimensionale Parallelwelt im Internet, deren Avatare (Spielfiguren) von realen Personen gesteuert werden. Mittlerweile hat Second Life mehr als 4,6 Millionen Nutzer. Die virtuelle Welt wird zunehmend auch von Unternehmen als interessante Plattform für verschiedene Anwendungen sowie als Experimentierfeld entdeckt. Die Software kann unter www.secondlife.com heruntergeladen werden. In der Basisversion ist die Nutzung kostenlos.

Quelle: Handelskammer Hamburg

Wer sehen möchte, wie ein klassisches Medium diese Pressemitteilung journalistisch verwertet, der sollte mal die Unterschiede bei Weltpremiere: Handelskammer Hamburg in Second Life vom Hamburger Abendblatt analysieren.

Nachtrag 22.3.2007 – Das virtuelle Handelskammer-Haus ist ab 23.3.2007 in Second Life geöffnet

Die Handelskammer Hamburg wird morgen neben der feierlichen Einweihung ihres „Haus im Haus“ als erste Kammer der Welt auch einen digitalen Nachbau ihres neuen Gebäudes in „Second Life“ (SL) eröffnen. Dort lädt eine Spielfigur, ein so genannter Avatar, zu Rundgängen durch den Web-3D-simulierten Baukörper in der ehemaligen Wertpapierbörse und zu Touren durch die rasch wachsenden SL-Welten ein und informiert die Besucher über die Geschäftsmöglichkeiten in der neuen Online-Welt. (…)

Der zentrale Teleport von „Hamburg City“ wird von der Landkarte und der programmeigenen Suchmaschine von Second Life mit den Koordinaten (130, 130, 23) ausgewiesen; die virtuelle Handelskammer ist über die Koordinaten 45, 65, 25 direkt zu ereichen. (…)

Quelle: Handelskammer Hamburg

Die Pressemeldung zum real existierenden “Haus im Haus” bei der Handelskammer Hamburg gibt es hier: Haus im Haus der Handelskammer feierlich eröffnet.

Konkrete Info zum Second Life Projekt bei Hamburg@Work

Auch Hamburg@Work hat anscheinend zu dieser Weltpremiere am 12. März eine Pressemitteilung herausgegeben. Die Information über die Second Life Aktivitäten dort liest sich ein wenig anders und man kann ein paar mehr konkrete Informationen aus dem PR-Geschwurbel extrahieren. Allerdings fragt man sich doch, ob beide Pressemeldungen über dieselbe Weltpremiere bei Second Life sprechen. Spricht die Handelskammer von der virtuellen “Hamburg City” in Second Life, so spricht man bei Hamburg@Work lediglich vom “ersten virtuellen Messestand zur CeBIT” in Second Life.

Webcity Hamburg in Second Life

Hamburg@work und METABOYS starten ersten virtuellen Messestand zur CeBIT

Hamburg, 12. März 2007 – Die Webcity Hamburg ist in der Onlinewelt Second Life pünktlich zur CeBIT vom 15. bis 21. März erstmals auch mit einem virtuellen Messestand vertreten. Der Impuls zum Projekt kam von den METABOYS, einem Zusammenschluss von vier Agenturen aus den Bereichen PR, Games, Markenwerbung und Internet. Gemeinsam mit der Initiative Hamburg@work bringen die METABOYS nun Hamburg als Webcity in die wachsende Online-Community Second Life. Hier haben die Partner den Gemeinschaftsstand von Hamburg und Schleswig-Holstein originalgetreu in 3D nachgebaut. (…)

“Offer Teleport” – der Einsteigerservice zur CeBIT

Während der CeBIT werden viele der am norddeutschen Gemeinschaftsstand beteiligten Unternehmen mit einem eigenen Avatar in Second Life vertreten sein. Jeder User, der den virtuellen Stand mit seinem Avatar besucht, kann sich dort also über die Angebote der digitalen Wirtschaft in Hamburg und Schleswig-Holstein informieren und sich mit den Avataren der am virtuellen Stand vertretenen Unternehmen sogar in einem Konferenzraum unter vier Augen unterhalten. (…)

Hamburg Islands – wachsende Inselwelt, wachsende Stadt

Mit dem virtuellen Messestand auf der CeBIT beginnt für die METABOYS der Aufbau von “Hamburg Islands”, einer ganzen Region in Second Life. Acht Inseln sind bereits gekauft beziehungsweise reserviert, das METABOYS-Team für Ereignisse und Stadtentwicklung plant für die nächsten zwölf bis18 Monate mit rund 2,4 Millionen virtuellen Quadratmetern für Musikclubs, Galerien und Erlebniswelten, für HafenCity, exklusive wie experimentelle Shopping Malls, Universitäten und Touristenattraktionen – ganz im Sinne der real wachsenden Stadt.

Quelle: Webcity Hamburg in Second Life

Markus Breuer über “Die virtuelle Handelskammer Hamburg in Second Life”

Markus Breuer beschäftigt sich auf seiner Webseite _notizen aus der provinz schon etwas länger mit den durchaus faszinierenden Möglichkeiten von Second Life. Seine Seite ist eine der kompetentesten deutschsprachigen Nachrichtenquellen zu Second Life. Er schreibt (und zeigt Bilder):

(…) Einige der mit Abstand markigsten Aussagen finden sich in der offiziellen Pressemitteilung zur Eröffnung der Hamburger Präsenz in Second Life. Ich will die hier nicht im Detail wiederholen, weil dort vorwiegend über die künftigen (sehr ambitionierten) Pläne berichtet wird. (Und die können natürlich noch wahr werden.) (…)

Wer sich dann nach Second Life aufmacht, um dieses Areal zu begutachten, findet eine Art Baustelle vor. Eine große Wiese, auf dieser ein Messestand und dahinter die Fassade eines klassisch angehauchten Torbogens mit ein paar Logos der Handelskammer Hamburg und des Projekts Hamburg@Work daneben. (…)

OK, vielleicht sollte man das nicht zu kritisch sehen. Natürlich sehe ich ein, dass man mit ehrenamtlichem Engagement keine Berge versetzen kann. Aber, ob diese Baustelle Hamburger Unternehmen wirklich “interessante und innovative Möglichkeiten, mit Geschäftspartnern und Kunden zu kommunizieren” demonstriert oder ein idealer Ausgangspunkt für den geplanten “SL-Unternehmerrundgang” ist?

Mich erinnert das fatal an die frühen Jahre des Internets, als ein halbes Dutzend schnell zusammengedengelte HTML-Seiten für manchen Großkonzern “den Aufbruch in die Welt des Internets” bedeuteten – zumindest laut Pressemitteilung. Diese Seiten gammelten dann natürlich meist wirkungslos vor sich hin. (…)

Quelle: Die virtuelle Handelskammer Hamburg in Second Life

Jan Tißler bei Upload ist auch eher kritisch

Jan ist nicht gerade der super Second Life Fachmann, aber er bringt die derzeitige überall zu lesende Stimmung auf den Punkt und erwähnt eben auch die Präsenz der Handelskammer Hamburg bei Second Life.

Meine Meinung: Die rasante Entwicklung von Second Life und der große Unterschied zwischen heutiger Wirklichkeit und vermuteter Zukunft erinnert zunehmend an die Internetblase von 1999/2000. Das heißt nicht, dass dort nicht etwas Großartiges entstehen könnte. Es heißt aber, dass es sich als Luftschloss entpuppen könnte – als virtuelles Luftschloss natürlich.

Quelle: Upload IBM investiert 10 Mio. Dollar in virtuelle Welten

Mario Sixtus: Meine ultimativ letzten Worte zu Second Life

Mario Sixtus (nur echt mit Auszeichnung) und Friseur) auch bekannt als elektrischer Reporter bei handelsblatt.com bringt es auf den Punkt: Second Life ist nicht “Internet” sondern benutzt das technische Netzwerk internet lediglich zur Datenübertragung. Second Life ist also “ein Biotop, eine abgeschlossene Blase, die das Netz lediglich als Datentransportweg nutzt”. Diese “ultimativ letzten Worte zu Second Life” sollten sich insbesondere alle Reichweiten-Jünger der klassischen Medien zu Gemüte führen.

Wer das Internet nicht kapiert, schreibt über Second Life oder eröffnet dort eine Filiale. Zeit, mit diesem Quatsch abzurechnen. (…)

Bunte Bilder sind auch der Sprit, der das momentane Über-Hype-Thema befeuert: Second Life. Vollbusige Avatare in knappen Kleidchen gehen halt immer als Artikel-Illustration und endlich kann sich auch das Fernsehen auf ein Internet-Thema stürzen, ohne auf die ewig gleichen Mausklick- und Tastaturklapper-Zwischenschnitte aus dem Archiv zurückzugreifen. (…)

Das Auftauchen von Second Life muss zu einem kollektiven Aufatmen in den Marketing-Abteilungen dieses Planeten geführt haben. Endlich kann man auch im Internet so weitermachen, wie in der guten alten Zeit vor dem Internet. Man kann Plakate aufstellen, Filialen eröffnen, Werbespots auf riesigen Leinwänden ausstrahlen und sogar Verkaufspartys veranstalten. Toll. Ganz, wie damals. (…)

Man könnte meinen, der Betreiber Linden Labs hätte Second Life als Beruhigungsmittel für Zukunftsscheue entwickelt: Zu guter Letzt ist das Leben im Netz auch für jene zu begreifen, die das Netz selbst nie begriffen haben. Second Life ist somit die letzte Bastion des 20-ten Jahrhunderts. Ein Asyl für Ewiggestrige und Veränderungsverweigerer. Die Zukunft sieht anders aus.

Quelle: Meine ultimativ letzten Worte zu Second Life

Links und Lesezeichen

Einige deutschsprachige Second Life Seiten

Veröffentlicht am 16. März 2007 von Markus Merz

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